Angst und Schrecken und Insekten am Bodensee

Bregenz. Strömender Nieselregen. Hätte ich eine Frisur, ich bin mir sicher, sie täte alle andere als sitzen. Der Bodensee ist farblich kaum vom Himmel zu unterscheiden. Oder eher: Der Bodensee wäre farblich kaum vom Himmel zu unterscheiden, würde man ihn denn sehen. Nebel so dicht, dass er auf dem Jahrmarkt als „Zuckerwatte light“ verkauft wird, verhindert den Farbvergleich.

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Auf der Fähre herscht eine Stimmung wie in einem schlechten Horrorfilm. Wie schlecht der Horrofilm ist, merke ich vor allem daran, dass die Statistinnen allesamt von gackerenden Fahrrad-Touristinnen gestellt werden, die sich ganz und gar nicht der drückenden Stimmung ergeben wollen.
Ich stehe auf jeden Fall auf dem Deck und schaue bedrückt in den Nebel. Ein paar Augenblicke später zieht eine durch radioaktive Strahlung – so ein Film soll ja auch ein bisschen gesellschaftskritisch sein – mutierte Riesenkrake die „MS AUSTRIA“ in die Tiefe.

Zum Glück ist der Horrofilm so schlecht, dass kein Budget für die Riesenkraken-Special-Effects mehr vorhanden war. So bleibe ich am Leben. Mich beschleicht ein schlechtes Gefühl. Das war sicherlich nicht die letzte Begegnung mit meinen zwei alten Bekannten Angst und Schrecken am Bodensee.

Nach meiner Odysee über den See kam ich irgendwann im Radiocamp an. Dort stellte mich ein netter Herr seinen Kindern mit den Worten „das ist der Meister von Angst und Schrecken!“ vor. Mein Ruf eilt mir offenbar vorraus. Ich wanderte zum Ufer und überlegte kurz, mir einen schwarzen Kaputzenmantel zu kaufen, als ich mich plötzlich in einem Schwarm voller Insekten wiederfand. Tausende, nein, Millionen von merkwürdigen Schwebetieren schwirrten und summten am Ufer herum. Ich trat zur Flucht an, doch die Liegewiese war mit einer Armee von Libellen bevölkert, die wie Kampfhubschrauber hochschnellten, sobald ich mich auf sie zu bewegte. Das war wohl der Beginn der Invasion. Bald würden wir wohl eine gigantische Pyramide für eine Ameisenkönigin bauen. Die Schweiz war wahrscheinlich schon längst in Insektenhand.

Immerhin würden wir die Insekten mit allerlei High-Tech-Kram bekämpfen können. Der umgebaute Router, der über WLAN Radio empfang, hatte sicherlich auch einen Insektenbekämpfungmodus. Und durch das neue Konferenzradiosendungsprogramm war es möglich, die Invasion der sechsbeinigen Monster in einer Sondersendung in meheren Städten gleichzeitig zu übertragen. Aber ob das wohl so populär wie das Castorradio sein würde?

Am Lagerfeuer wurde diese Frage genauso eifrig diskutiert wie den Größenunterschied zwischen Männer- und Frauenklos. Eine Theorie zu Erklärung dieses unmöglichen Zustands war, dass die Erbauer des sogenannten „Duschpalastes“ allesamt sehr beleibte Männer gewesen waren, die sich selbst sehr viel Platz für ihre Geschäfte verschafft hatten.
Das mit dem Lagerfeuer war überhaupt so eine Sache. Das Cafézelt, vor einigen Jahren noch „the place to be“ am Radiocamp, hatte offenbar seinen Charme verloren und war endweder leer oder hatte den Charme eines Stehempfangs nach der Siegerehrung eines Kleinkunstwettbewerbes in der Bahnhofshalle von Markelfingen. Wie „in“ und hip das Lagerfeuer war, zeigte sich auch darin, dass immer wieder spontan Menschen hinzu stoßen und vor Freude einen lauten Tanz aufführren – was inmitten der philosophischen Gespräche über Toilettengrößen etwas deplaziert anmutete.

Würden die Insekten die Weltherrschaft an sich reissen? Würde die ohnehin schon wackelige Internetverbindung die Liveberichterstattung über die Invasion aushalten? Wieso war die gemütliche vorbeirauschender-Güterzug-Geräuschkulisse durch ein knackiges Musikbett (Brahms, Kammermusik für 5 Freischneider) ergänzt worden? Und vor allem: warum war auf dem Frauenklo eigentlich viel weniger Platz als auf dem Männerklo. Angst und Schrecken hatten mich.

Das einzige, was jetzt noch half, war die Flucht. Hoffentlich ohne allesverschlingende Riesenkraken im Bodensee …

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