Angst und Schrecken in Tübingen

Es gibt Missionen, die sind wichtig für Gonzojournalisten. Und es gibt Missionen, die sind für Gonzojournalisten unerlässlich und müssen unbedingt angetreten werden. Eine solche unerlässliche Mission war mit einer Reise nach Tübingen verbunden.

Ich war von dem dortigen freien Radio eingeladen worden, wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, mich so viel Angst und Schrecken wie nur möglich auszusetzen. Neben dem RACT-Festival, von dem aus die Wüste Welle live sendete, fand in der Stadt ein merkwürdiges Festival für Volksmusik und ähnliches statt. Unter anderem sollte der schwäbische Dudelsack präsentiert werden.

Eigentlich war ich ja für eine Diskussionsrunde eingeladen. Aber wir wissen ja alle, dass es immer zwei Gründe für deine Begegnung gibt.

Meine Reise began, wie so oft, am Bahnhof. Dort stand ein Bus nach Saarbrücken, von wo aus ich den Zug nehmen sollte, berreits. Wobei „berreitstehen“ hier eher meint, dass der Bus zwar dort stand, jedoch nicht wirklich berreit zur Abfahrt war. Durch Überbuchung und penetrantes Ticketabknipsen verspätete sich die Abfahrt um 15 Minuten. Im Baustellenland Luxemburg ging es zusätzlich nur schleppend voran. Dies veranlasste den Busfahrer jedoch nicht, auf deutschen Autobahnen schneller zu fahren. Die Zeit raste, während der Bus tuckerte und mein Anschluss immer unwahrscheinlicher wurde. Beständig rechnete ich meine Chancen, den Zug noch zu erwischen, aus und ich wusste es berreits: Angst und Schrecken war nicht nur bei den CFL, sondern auch bei der DB allgegenwärtig.

Nach einem kurzen Sprint stellte ich dann fest, dass der erste ICE 30 Minuten Verspätung hatte. Trotzdem kam er und raste Richtung Mannheim. Vor mir saß eine Frau, die per Handy eine Mitarbeiterin von ihr zusammenscheißte und dabei Ausdrücke wie „Oberkante, Unterkante“ und „das ist doch total Banane!“ benutzte. Ich saß mit einem sehr breiten Grinsen im Zug, obwohl ich nicht recht wusste, ob ich nicht eher Angst vor der Frau haben sollte.

Durch Stürme und wahrscheinlich auch die ein oder andere Explosion gab es kurzzeit ein allgemeines Chaos. Leute liefen kopflos zwischen Informationsschaltern hin dun her, lachten nervös und tranken Kaffee, wodurch sie noch nervöser wurden.
Der Bahnhof glich einem Pulverfaß. Angst und Schrecken regierten diese Sturmnacht und ich fragte mich, ob ich überhaupt je in der Universitätsstadt Tübingen ankommen würde oder ob ich die Nacht in einem billigen DB-Nothotel irgendwo am Rande von Mannheim verbringen müsste, wo meine einzige Lektüre eine merkwürdige Hotelbibel sei.
Glücklicherweise fand ich schnell einen alternativen ICE, der mich, im Stehen zwar, nach Stuttgart brachte. Sogar mit Geschwindigkeitsanzeige. Ein, wie ich finde unerlässliches Feature für Hochgeschwindigkeitszüge. Wann hat man sonst schon das Vergnügen, genau zu wissen, dass man gerade mit 250 km/h trinkt, liest, seine Arbeitskollegen mit merkwürdigen Ausdrücken zusammenscheißt oder kackt?

In Stuttgart angekommen war die Luft wieder ein wenig frischer, es roch weniger nach Panik. Ich sprang sehr verwirrt ob der merkwürdigen Gleisangabe in den zufällig bereitstehnenden Regionalzug, der durch die Dunkelheit nach Tübingen raste. Ruhiger und weniger chaotisch als alle ICEs der Welt. Dafür aber ohne Businesskaspars und Geschwindigkeitsanzeigen.

Endlich und eigentlich nur mit 40 Minuten Verspätung in Tübingen angekommen hörte ich vor dem Bahnhof berreits die laute Musik des RACT-Festivals. Ein wenig verwirrt stolperte ich über die Tübinger Straßen und suchte den Eingang des Festivals. War ich überhaupt in der richtigen Stadt? Vielleicht hatte mich ja das Radio einer ganz anderen Stadt eingeladen und ich hatte Tübingen mit einer ähnlich lautenden Stadt, zum Beispiel Leipzig, verwechselt? Angst und Schrecken wurden größer. Ich war genau der Typ Mensch, der solche Fehler in wichtigen Momenten macht.
Allerdings hatten die Radiomenschen das Festival ja auch erwähnt, was mir ein wenig an Sicherheit zurückgab. Ich befand mich auf einer Fahrbahn, die aber offenbar momentan nicht wirklich benutzt war. Ich versuchte, den Weg zurück auf den Bürgersteig zu finden, denn ich hatte nicht unbedingt die Absicht, die dann doch ziemlich lahme Erklärung „Ich komme aus Luxemburg, da gibt es keine Bürgersteige!“ benutzen zu müssen.

Zwei Typen, die mit mir im Zug gesessen hatten, erkannten meine offensichtliche Ortkompetenz und fragten mich, ob ich wüsste, wo der Eingang zu dem Festival sei. Ich verneinte und ging zielstrebig in irgendeine Richtung.
Sie stellte sich als die richtige heraus und ich kam zum Eingang, wo eine bekannte Radiomacherin den Ausgang benutzte. Sie wirkte ein wenig verwirrt und erzählte mir ungefähr 20 Dinge auf einmal. Danach wäre ich der Meinung, ich müsste Eintritt bezahlen und wollte abgeholt werden, was wegen mangelnder Kommunikation nicht klappte.
Vor dem Eingang war die Hölle los. Ungefähr eine halbe Tonne Glasscherben lagen dort, allesamt von Alkoholflaschen, welche vor dem Eingang geleert wurden, um nicht das mässig teuere Bier auf dem Festivalgelände kaufen zu müssen. Ein Horder sturzbetrunkener Irrer torkelte auf die Schlange zu, lallte etwas von Pfandflaschen und wurde ziemlich grob von den Sicherheitsleuten behandelt. Meine alten Bekannten Angst und Schrecken waren definitiv mit von der Partie in Tübingen.

Ich entschloss mich, einfach an den Sicherheitsleuten vorbei zu gehen. Diese kontrollierten kurz meinen Rucksack und fanden, oh Wunder, kein Bier. Ich schmuggelte illegalerweise mein Deo hinein. Mein letztes Deo hatte ich am Montréaler Flughafen lassen müssen, aber in Tübingen würde ich mir meine letzte Bastion der Körperhygiene nicht nehmen lassen.

Ich wurde wild und stürmisch begrüßt, unter anderem von Leuten, die meinten „Ich mag deine lustigen Geschichten so sehr!“. Halb Tübingen schien Angst und Schrecken zu kennen, und ich war ihr persönlicher Held. So oder so ähnlich. Mir war das ein wenig peinlich, aber immerhin wurde mir ein Bier spendiert, was mich lockerer werden liess. Anderseits: Wieso war ich in Tübingen so bekannt? Lief auf der Wüsten Welle eine Endlosschleifen mit den wenigen deutschen Folgen und einer schlechten Tonbandaufnahme, die unbemerkterweise auf dem Radiocamp gemacht worden war und auf dem ich Sprüche wie „Wir haben Kulturjahr, die Leute sollten mal mehr Drogen fressen!“ vom besten gebe? Oder war Tübingen in Vergleich zu Luxemburg so langweilig, dass nie etwas Anst- und Schrecken-erregendes dort passierte?

Das konnte ich mir nicht vorstellen, denn gleich darauf stürzte eine volltrunkene Gruppe in die Sendeanlage und verursachte ein kleines Sendeloch., das jedoch sofort wieder repariert wurde.
Nach ein paar weiteren Bier war es Ein Uhr und das Festival war für diesen Abend vorbei. Wenn man mitten in einer deutschen Kleinstadt festivalt, ist man so früh fertig wie in Luxemburg die heißen Clubs in den angesagten Straßen. Was auch immer das heißen mag.

Ein begeisterter Fußballer, Merchandisingverkäufer und Radiomensch, bei dem ich schlafen sollte, brachte mich in sein Haus. Er hatte etwas von „alternativem Wohnprojekt“ gesagt und ich hatte mir merkwürdige passivhäuser oder etwas in der Art vorgestellt. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass es sich um eine ehemalige Besetzung handelte, die mit ziemlich viel Graffiti verziert war. Aber das Haus war dennoch – oder gerade deswegen, sehr angenehm, vor allem die Eigenschaft, eine Bar zu haben, wo wir noch ein merkwürdiges esoterisches Vollmondbier tranken, das nur bei Vollmond gebraut wurde.

Am anderen Morgen erwachte ich dehydriert in einem fremden Zimmer. Ich war in Tübingen, im Gästezimmer eines Fußballers, der nebenbei auch noch Merchandisingverkäufer und Radiomensch war. Nach einem sehr netten Frühstück machte ich mich daran, die Stadt ein wenig zu erkunden. Ich mag es, Spaziergänge durch mir unbekannte Städte zu machen, mich dort zu verlaufen und ein paar Eindrücke zu sammeln, die ich dann völlig unreflektiert weitergebe.
Angst und Schrecken waren nie weit, denn immerhin war Festival der Volksmusik (oder sowas ähnliches) und ich traf so alle paar Minuten auf singende und tanzende Trachtenträger, schreckliche Musik und Menschen, die mit überdimensionierten gigantischen Peitschen in der Luft herumschwangen, so dass diese laut knallten. Ich versuchte die Taktik des seitlich daran Vorbeigehens, was mir aber nicht immer so recht gelang. Vor allem wollte ich nicht von einer 100 Jahre alten schwäbischen Peitsche erschlagen werden. Auf jeden Fall nicht heute.

Nach einem doch relativ langem Spaziergang, bei dem ich vor allem das sehr grüne und bunte und volksmusikpassende Tübingen und die Uni gesehen hatte, machte ich mich wieder auf das RACT-Festival, wo ich ein weiteres mal illegalerweise ein Deo reinschmuggelte. Bei dem Wetter wollte ich aber nicht schon um 15 Uhr nach einer Disko um 3 riechen. Nachdem ich mir ein erschreckendes Gespräch über Datensicherheit angesehen und angehört hatte, wurde ich von zwei jüngeren Radiomacherinnen zum Radio Wüste Welle entführt. Dabei machte ich einige Entdeckungen: Tübingen war noch grüner, als ich dachte. Für das Radio brauchte man eine Karte, die die Leute offenbar nicht immer dabei hatten.
Das Radio lag außerdem dem Ortschild nach überhaupt nicht Tübingen. Auf jeden Fall sind wir an einem Ortsausgangsschild vorbeigekommen, was ich irgendwie befremdlich fand, denn es stand mitten in einer Staße. Aber soll ja auch Orte geben, durch die eine Landesgrenze läuft. Insofern sind Stadtgrenzen wohl die kleineren Ängste und Schrecken.
Das Radio lag dann in einem kleinen Wäldchen, das man über ein paar Treppen und Waldpfade durchqueren musste, ehe man vor dem in meinen Augen ziemlich großen Gebäude stand.

Technik und Räumeangucken war mit wenig Angst und Schrecken verbunden, genausowenig wie die nachfolgende Autofahrt zurück zum Festival. Dort allerdings schlichen wir uns durch einen Versorgungseingang hinein, bei dem wir nicht einmal kontrolliert wurden. Wir hatten natürlich die entsprechenden Pässe, aber wieso fragte uns das Personal nicht einmal danach, als wir uns ziemlich umständlich den Weg durch die Bauplatzgitter bahnten? Mir war das suspekt. Vor allem: Wer würde sonst noch durch dieses Schlupfloch kommen. Vor meinem geistigen Auge tauchten die Köpfe von Toni, dem Rastamann und dem verrückten Fotographen mit dem psychedelischen Fotoapparat auf und drehten im Kreis. Angst und Schrecken.

Die Diskussionsrunde verlief aber eher friedlich. Ich erzählte von Blogs, Podcasts und Katzenbildern. Insider haben jetzt gelacht.
Dann begann der zweite Teil der live-Sendungen vom Festival, die sehr energiegeladen rüberkam und es fanden sich tatsächlich alle paar Minuten Interviewpartner. Das machte mir insofern Angst, weil ich es normalerweise eher schwierig fand, Interviewpartner zu finden.

Nach ein paar Stunden war das Festival dann auch schon wieder zu Ende, und ich wusste nicht, wieso es so schnell gegangen war. Wir spielten traurige Musik und schauten vom Zelt aus auf die Leute, die mit gesenkten Häuptern das Gelände verliessen. Was war passiert? War es nur das Ende des Festivals, das alle so traurig scheinen liess? Oder war irgendetwas merkwürdiges und schlimmes passiert, so grauenvoll, dass sich niemand mehr traute, auch nur zu lächeln? War Toni schlussendlich doch noch hier aufgetaucht und hatte die Leute mit seinem irren Blick verängstigt?

Zwei Menschen kamen zu unserem Zelt und meinten, unsere Musik sei langweilig. Sie fragten nach dem Ort, in dem sie waren, woraufhin ich ihnen erklärte, sie seien in Mainz. Mich hatten die ganze Zeit über immer Leute nach irgendetwas gefragt, und immer hatte ich sie verarschen wollen, aber nie war mir was eingefallen. Aber diesmal.
Und merkwürdigerweise scheinen die beiden Verrückten das auch noch zu glauben. Sie hätten ein Problem, brüllte der eine und bald verliessen sie nach Lösungen ringend das Zelt, um sich dem Trauermarsch anzuschliessen.

Angst und Schrecken hatten mich.
Was war los in Tübingen? Wieso diese Trauerstimmung? Was hatten diese merkwürdigen Menschen gegessen, dass sie nicht mehr wissen konnten, wo sie waren? Liefen noch mehr dieser Drogenverrückten in dieser Stadt herum? Würden einige durchgedrehte Peitschenknaller kommen und das Festivalgelände mit ihren gigantischen Folterinstrumenten in ein Feld des Grauens verwandeln? Und vor allem: Würden sie Duddelsackspieler mitbringen?

Das einzige, was jetzt noch half, war ein weiteres Bier und die Flucht.

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